Sagen und Geschichten um den Plytenberg in Leer

Erdmantjes (Albrecht Janßen)

Vor mehr als fünfhundert Jahren wohnten noch die Erdmantjes im Plytenberg. Sie hatten tief im Berge ein wunderschönes Schloss von Marmor und Gold, und mittendrin war ein großer Saal, dessen Wände waren blau wie der Himmel, und drinnen leuchteten gleich Sonnen unzählige Edelsteine. Hier lag König Radbods verschwundener Schatz, der den ganzen großen Fußboden füllte und wie Meeresflut meterhoch an den Wänden emporstieg. Alles glitzerte und gleißte so, dass einem die Augen wehtaten und man fürchten musste, blind zu werden.
Die Erdmantjes, die unter ihrem König Sjurt den Schatz bewachten, bekam man sehr selten zu sehen. Einmal, es war in der Paskezeit, ging eine Schar Knaben aus Leer an den Plytenberg, um dort mit ihren bunten Eiern zu lönsken. Da sahen sie, wie vor einem großen Loche zwei Erdmantjes mit grauen Kitteln, Zipfelmütze und langen Bärten saßen und sich in der Märzsonne wärmten. Als sie sich jedoch von den Kindern überrascht sahen, huschten sie wie Wiesel in die Erde. Die Jungen liefen schnell zurück und schrien: „Wir haben die Erdmantjes im Plytenberg gesehen!“ Und im Laufe des Tages wanderten viele Neugierige hinaus, um sich das Erdloch anzusehen.

Die Leute mochten die Erdmantjes gerne leiden, und wenn sie in Not kamen, gingen sie nachts um zwölf hinaus auf den Plytenberg, verneigten sich dreimal nach Osten und riefen:

„Erdmantje, Erdmantje, help mi!
Kumm na min Hus, ik bä di!“

Zu Hause mussten dann sämtliche Türen offen stehen und alle Lichter gelöscht sein, keiner durfte mehr außerhalb des Bettes sein. Wenn man dann zurückkam, waren die Erdmantjes inzwischen dagewesen und hatten Menschen oder Vieh wieder gesund gemacht.

Nun wohnte nicht weit vom Plytenberg auf einer einsamen Warf im Surhammerk ein Bauer, den die Leute Klaas Knieptang nannten; denn er war so geizig, dass er seinen Knechten und Mägden nicht einmal zu Weihnachten Butter auf Brot, Sirup in dem Buttermilchbrei und Kluntje im Tee gönnte. In seinem Keller hatte er ein großes Fass, das war schon beinahe ganz voll Goldstücke, und wenn er sich recht freuen wollte, so ging er hinunter und wühlte mit den Händen darin.

Eines Tages saß nun Klaas an der Ems, um zu fischen. Es war ein wunderschöner Tag. Die bunten Kühe lagen im hohen Grase und kauten behaglich, und die Lerchen stiegen jubilierend in die blaue Luft hinauf. Da es kurz nach dem Essen war, fielen Klaas bald die Augen zu, und sein Kopf sank vornüber. Als er nun gerade von König Radbods Schatz träumte, ruckte es mit einemmal an der Leine, und erschreckt sah er auf. Na, da musste ein dicker Fisch angebissen haben! Mit einem Schwung zog er hoch und holte einen großen, sonderbaren Fisch aus dem Wasser, der wie Gold und Silber glänzte und auf dem Kopf ein Gewächs hatte, das genau wie eine kleine Krone aussah. Gierig griffen des Bauern hagere Finger nach der Beute, und mit dem Daumen kratzte er schnell einige Schuppen weg; auch darunter schimmerte es wie Gold.

Gerade wollte Klaas Knieptang ihn triumphierend in den Sack stecken, da hätte er beinahe den Fisch vor lauter Schrecken wieder fallen lassen; denn der machte mit einemmal den Mund auf und fing deutlich an zu sprechen:

„Bur, Bur, Hex un Nix,
smiet mi rin un do mi nix!“

Da lachte der Bauer hellauf und sagte: „Na, das könnte dir wohl so passen! Nein, dich nehme ich mit, lasse dich erst für Geld sehen und dann brate ich dich.“
„Ach, lass mich doch wieder in die Ems. Ich bin des Dollartkönigs Sohn, und als ich heute Morgen vorm Schloss meines Vaters spielte, nahm die Tide mich mit die Ems hinauf. Mein Vater wird sich gewiss schon recht ängstigen.“

„Ja, das mag alles wohl sein; aber nun bist du mein.“
„Wenn du mich loslässt, will ich dir auch sagen, wie du König Radbods Schatz bekommen kannst.“
„Was? – König Radbods Schatz? Ja, das ist was anderes.“

„Er liegt unten im Plytenberg, und die Erdmantjes bewachen ihn. Ihr König Sjurt hat den Schlüssel im Gürtel und wenn du seine Brille aufsetzt, kannst du den Schatz im Berge sehen.“
Da warf der Bauer den Wunderfisch rasch wieder ins Wasser und ging schnell nach Hause. Drei Tage saß er allein in seiner Stube und dachte nach, wie er es machen könnte, Schlüssel und Brille zu bekommen. Am vierten Tag rief er endlich einen Knecht zu sich und redete lange mit ihm hinter verschlossenen Türen.

Am andern Tage war in Leer Markt, und die Knechte und Mägde sprachen schon viel darüber, ob sie wohl hin dürften. Zu ihrer Verwunderung trieb der Bur sie aber sogar an früh hinzugehen und recht spät wiederzukommen. Als nun endlich das Haus leer war, schleppte der Knecht, der allein geblieben war, keuchend einen Sack herbei, fegte die Stube rein und bestreute den ganzen Boden mit grünen Erbsen. Am Abend schlich er sich dann hinaus auf den Plytenberg und rief mit weinerlicher Stimme:

„Erdmantje, Erdmantje, help mi!
Kumm na min Hus, ik bä di!
De Könenk, de Könenk mut komen,
anners word de Bur de Kolle nät nomen.“

Das war aber alles erlogen und Klaas hatte gar nicht das Fieber, sondern lag in der dunklen Stube hinter der Tür und lauerte wie eine Katze auf die Mäuse. Die alte Wanduhr schlug rasselnd zwölf. Jemand tappte den Gang entlang, und ein feiner Lichtstrahl sprang ins Dunkel hinein. Da – ein Schrei und ein Fall. Der Bauer stand schnell auf, riss seine Laterne unterm Rock hervor und beleuchtete das auf dem Boden liegende Kerlchen. Ja, es war der König. Mit seiner mageren Hand packte Klaas das zappelnde Erdmantje und erwürgte es. Schnell nahm er dann Brille und Schlüssel und versteckte beides sorgsam in seinem Bett.

Unterdessen kam der Knecht zurück. Der Bauer sagte zu ihm: „Du sollst reichlichen Lohn haben. Aber erst geh hin und vergrab den kleinen Kerl im Kohlgraben. Sage jedoch keinem etwas!“
Die Erdmantjes im Plytenberg gingen die ganze Nacht nicht zu Bett und warteten mit Schmerzen auf ihren König. Doch er kam auch noch den nächsten Tag nicht. Im Dunkeln ging nun einer der Ältesten etwas in den Hammerk hinein, um eine Spur zu suchen. Da begegnete ihm eine Eule, die er nach dem Könige fragte.
„Ja, als ich gestern Nacht bei Klaas Knieptangs Plaatse vorbeiflog, sah ich ihn die „Lohne“ hinaufgehen.“

„Nun, dann weiß ich genug.“
Weinend kam er zu den andern zurück und sagte: „Liebe Brüder, unser König ist tot. Nun müssen wir alle zum Lande hinaus.“ Da weinten sie und jammerten. Dann aber packten sie ihre Säcke, steckten jeder ein Goldstück in die Tasche und gingen vor den Berg.
Draußen war es dunkle Nacht. Die schwarzen Wolken hatten Mond und Sterne gefressen und krochen nun träge am Himmel dahin. Der Älteste zündete sein Laternchen an und ging voraus. Wie eine Herde Gänse wandelten sie alle hinter ihrem Führer her.
Als sie Leerort erreicht hatten, ging er an des Fährmanns Fenster, klopfte an und rief „Breng’ over!“ Der Fährmann fuhr aus seinem Schlafe auf, rieb sich die Augen und brummte: „Wer ist denn da noch in dunkler Nacht?“ Er zog schnell Stiefel und Jacke an, nahm seine Laterne und ging hinaus. Erst sah er niemand, dann hörte er mit einemmal vielstimmiges Klagen:

„Uns’ Könenk is dot,
uns’ Könenk is dot,
nu mut wi all ut Land herut.“

Und nun erblickte er auch mit einemmal zu seinen Füßen die wimmelnde Schar der Erdmantjes.
„Gott soll mich bewahren!“ rief er erschrocken.
Da trat der Älteste an ihn heran und sprach: „Lieber Fährmann, bring uns hinüber, es soll dein Schade nicht sein.“
Da ging er mit ihnen ans Wasser, nahm sie alle in sein Boot und ruderte sie hinüber nach der Rheiderländer Seite. Dort hob er einen nach dem andern behutsam ans Land und jeder fasste dann in seine Tasche und gab ihm das Goldstück.

Da freute sich der Fährmann sehr und fuhr schnell zurück, weckte Frau und Kinder und erzählte ihnen alles.
„Die guten Erdmantjes!“ jammerte die Frau. „Ich hätte aber gerne eins gesehen.“
Sechsmal war der Bauer schon nachts am Plytenberg gewesen, hatte die Brille aufgesetzt und versucht, in den Plytenberg hineinzusehen, aber alles vergebens. Als er nun jedoch zum siebten Mal hinging, war gerade Neumond. Klaas hatte kaum die Brille aufgesetzt, da erblickte er auch schon Schloss, Saal und Schatz. Ein langer Gang, der zu seinen Füßen begann und durch eine Pforte verschlossen war, führte gerade darauf zu. Rasch probierte er den Schlüssel. Ein kleiner Freudenschrei – er passte. Da rannte Klaas behände zurück, ging leise in seinen Stall, spannte seine Hengste vor den größten Wagen und fuhr mit ihnen hinaus an den Plytenberg. Am Himmel funkelten die Sterne; aber aus der Ems stiegen die Nebelfrauen und tanzten im Hammrich ihren Reigen, flogen dann hinauf und verhängten mit ihren Schleiern den flimmernden Nachthimmel. Als der Bauer vorm Berge hielt, zitterten ihm Knie und Hände, und beinahe hätte er beim Aufschließen den Schlüssel verloren. Als er nun im Saal war, warf er sich einen Augenblick hin und wühlte gierig mit aufgekrempelten Ärmeln im Golde. Dann schaufelte er Sack auf Sack voll und schleppte sie keuchend auf seinen Wagen. Stunde auf Stunde verrann, und er merkte es nicht. Da krähte auf seiner Plaatse ein Hahn, und die Pferde wieherten angstvoll.
Schnell rannte Klaas hinaus, schwang sich auf den Wagen und jagte den harten Kleiweg zurück.

Als er jedoch dicht vorm Großen Slot war und über die hölzerne Tille fahren wollte, stieg mit einemmal der Wasserkerl aus der Tiefe auf, wuchs riesengroß in den Himmel hinein und streckte gierig seine langen Arme aus. – Da bäumten sich die wiehernden Pferde hoch auf, sprangen erschrocken zur Seite und jagten ins Land hinein der Ems zu. Klaas sträubten sich die Haare, der Angstschweiß rann ihm über Stirn und Hände, und die Arme schmerzten ihm vom Ziehen am Zügel. Aber die Hengste rasten immer weiter. – Schon wurde es hell, und der Bauer sah mit Entsetzen dicht vor sich das breite Wasser schimmern.

Da schrie er laut in seiner Herzensnot:

„Erdmantje, Erdmantje, help mi!“

Zu spät, die grauen Wellen spritzten hoch auf und schluckten gierig Pferde, Bauer und Schatz.

Text von: Stadt Leer